Aktuelles

Indien wird immer mehr zur „Brutstätte“ von Einhörnern

In den letzten Jahren hat Indien einen starken unternehmerischen Aufschwung erlebt.

Mit seinen 44 „Einhörnern“ ist das Land zur drittgrößten Start-up-„Brutstätte“ der Welt geworden. Einhörner, das sind Unternehmen, deren Wert auf mehr als 1 Milliarde US-Dollar geschätzt wird. Neun von diesen 44 indischen Start-ups wurden erst im vergangenen Jahr zu Einhörnern, und in den ersten vier Monaten von 2021 haben schon 8 junge Unternehmen „Unicorn“-Status erreicht. Branchenexperten gehen davon aus, dass die Zahl der Einhörner in Indien bis 2025 auf stolze 100 steigen wird. Angesichts des rasanten Anstiegs der Zahl von Einhörnern und Start-up-Gründungen würde es jedoch nicht verwundern, wenn die Hundertermarke schon viel früher geknackt werden würde.

Wem ist dieses phänomenale Wachstum aber nun zu verdanken? Sicherlich einer guten Mischung aus mehreren Einflussfaktoren: der indischen Volkswirtschaft, die vom Inlandsverbrauch bestimmt wird, Indiens Standortvorteil, seinen technologischen Errungenschaften und Erfindungen im Bereich der Produkte, Dienstleistungen und Liefermodelle, seiner rasanten Digitalisierung und Internetdurchdringung, staatlichen Initiativen wie „Start-up India“, günstigen Rahmenbedingungen für Start-ups und nicht zuletzt der Verfügbarkeit hoch kompetenter Arbeitskräfte.

Die Sektoren mit dem größten Anteil an Einhörnern waren bislang Fintech/ Zahlungsdienstleistungen (18 %) und eCommerce (16 %). Andere sind ihnen aber schon dicht auf den Fersen, wie etwa die Datenanalytik, Software-as-a-Service (SaaS) und EdTech (Bildungstechnologien). Die größten „Brutstätten“ für Einhörner sind derzeit Bengaluru, Delhi/NCR und Mumbai. Bengaluru, das „Silicon Valley Indiens“, führt mit seinen 41 % aller indischen Unicorns, die ihren Hauptgeschäftssitz in der Millionenstadt haben. In Delhi/NCR und Mumbai haben sich fast 30 % bzw. 14 % der Einhörner angesiedelt.

Anhaltendes Interesse der Anleger

Die Aktivität der Anleger im indischen Start-up-Sektor war in den letzten 5 bis 6 Jahren nahezu gleichbleibend. Laut einem Branchenbericht erhielten indische Start-ups von 2014 bis 2020 Finanzierungsmittel in Höhe von insgesamt rund 70 Milliarden US-Dollar im Zuge von fast 6.000 Transaktionen. Mit seiner Beteiligung an 14 Einhörnern ist Sequoia Capital der führende Investor, dicht gefolgt von Tiger Global und SoftBank, die jeweils in 13 Unicorns investieren.

Interessanter Weise hat die COVID-19-Pandemie dem Interesse der Anleger an Start-ups keinen nennenswerten Abbruch getan. Auch wenn die durchschnittliche Investitionshöhe im Vergleich zum Vorjahr gesunken sein mag, haben indische Start-ups 2020 immer noch stolze 11,5 Milliarden US-Dollar an Finanzierungsmitteln bekommen. Die Anzahl der Transaktionen erreichte sogar fast den historischen Spitzenwert von 2017. Das sind sehr gute Neuigkeiten für alle indischen Start-ups, die trotz der Pandemie-Krise ihren Wachstumskurs fortsetzen wollen.


Die Start-up-Welt wird zwar immer noch von Männern dominiert, aber der Wind dreht sich

Bislang waren weibliche Unternehmer in der indischen Start-up-Welt erheblich unterrepräsentiert. Das gilt leider auch für Einhörner: Nicht einmal 5 % von ihnen wurden von Frauen gegründet oder mitgegründet. Allerdings fängt sich der Wind an zu drehen, sodass es in den letzten Jahren immer mehr Unternehmerinnen gelungen ist, in den Start-up-Bereich vorzudringen. Nach statistischen Angaben der indischen Regierung stieg der Anteil der Unternehmerinnen 2019 auf 14 Prozent gegenüber den beiden Vorjahren mit 10 und 11 Prozent.

Laut einem Branchenbericht ist die Zahl von Unternehmerinnen in Technologie-Start-ups seit 2010 um fast das 11-fache gestiegen. Vor allem in den Sektoren Fintech und Consumer Tech sind immer mehr weibliche Unternehmer tätig. Interessanter Weise dringen Frauen inzwischen auch in ausgefallene und vormals männerdominierte Segmente vor, wie etwa die Automobilindustrie, Cleantech, SaaS und das Glücksspiel im Internet.

Obwohl die Zahl frauengeführter Start-ups ständig zunimmt, gibt es weiterhin eine erhebliche geschlechterbezogene Diskrepanz beim Investitionsvolumen. Laut dem Bericht investierten im Zeitraum von Januar 2018 bis Juni 2020 nur 22 % der Anleger in Start-ups, die von mindestens einer Gründerin geleitet werden. 


Großer Bedarf an Führungstalenten

Je mehr die Einhörner unter den Start-ups wachsen und expandieren, desto wichtiger wird es für sie, ihre entscheidenden Führungspositionen mit gut ausgebildeten und kompetenten Fachleuten zu besetzen. Deshalb ist der Bedarf an talentierten Führungskräften in Schlüsselbereichen wie Technologie, Produktmanagement, Marketing und Finanzen höher denn je.

Trotz der pandemiebedingten Konjunkturabschwächung fahren Start-ups fort, geschäftskritische Positionen wie die des Chief Technology Officer, Chief Product Officer, Chief Marketing Officer und Chief Financial Officer und Stellen auf der darunterliegenden Ebene zu besetzen.

Diese Expertinnen und Experten engagieren Start-ups aber oft nicht nur wegen ihrer fachlichen Kompetenzen, sondern auch, damit sie ihnen helfen, auf den Märkten Fuß zu fassen, die richtigen Systeme, Prozesse und „Best Practices“ einzuführen und ihre Teams und Fachkräfte aus- und weiterzubilden. Dabei suchen die meisten Unternehmen nach ziel- und handlungsorientierten Menschen, die über große strategische Fähigkeiten und den nötigen unternehmerischen Weitblick verfügen. Sie wünschen sich Führungskräfte, die wendig und unternehmungslustig sind und in einer dynamischen, sich ständig verändernden Start-up-Umgebung gut zurechtkommen.