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Egomanen, Psychopathen und gute Chefs

Wenn Vorstände scheitern, liegt das weniger an äußeren Umständen als an internen Intrigen. Die altgedienten Headhunter Thomas Deininger und Heiner Thorborg haben manche Schlacht gesehen. (F.A.S. vom 09.05.2021 von Georg Meck)

Thomas Deininger und Heiner Thorborg | © Lucas Bäuml

Wenn die Welt im perma­nenten Ausnahmezustand ist, was heißt das dann für die Chefs in den Unternehmen? Können sie so weitermachen wie bisher oder müssen sie sich komplett umstellen? Wir treffen dazu zwei altge­diente Headhunter, die seit Jahrzehnten im Topmanagement verkehren: Thomas Deininger und Heiner Thorborg, beide Jahrgang 1944. Zusammen bringen es die Haudegen auf 89 Jahre Erfahrung im „Executive Search", wie sie die Jagd nach Manager-Talenten nennen.

„Corona ist ein Einschnitt", sagt Heiner Thorborg. „Der bisherige Management-Stil geht so nicht mehr- gezwungenermaßen." Führung verlange auf abseh­bare Zeit andere Qualitäten, „stärker auf Distanz ausgerichtet, mit Videos und Homeoffice allenthalben". Mit dem Stil änderten sich die moralischen Ansprüche, ergänzt Thomas Deininger: Empathie, Loyalität, Transparenz werden seiner Meinung nach wichtiger denn je. „Es wird eine Renaissance der Werte geben. Die jungen Leute bleiben ihrem Arbeitgeber nur treu, wenn sie sich wohlfühlen."

In dem Maß, wie sich die Machtverhältnisse im Arbeitsmarkt hin zu den Arbeit­nehmern verschieben, haben sich die Chefs und Chefinnen laut Deininger dem anzupassen: „Ein CEO muss Vorbild sein, sonst gehen die Jungen woandershin." Nun ist menschliche Wärme, wie sie die beiden Headhunter fordern, nicht zu verwechseln mit einer Wattebällchen-Mentalität in der Chefetage: „Es braucht keine Schlaffis, sondern wahre Leistungsträger. Wer an die Spitze will, braucht mehr Potential als je zuvor." Da sind sich Thorborg und Deininger einig.

Beide sind sie seit Jahrzehnten im Gewerbe, haben ganze Dynastien von Managern erlebt und ihnen Posten ver­mittelt; die Väter, ihre Töchter und Söhne, demnächst wahrscheinlich die Enkelgeneration. Kennen gelernt haben sich Thorborg und Deininger vor zehn Jahren - selbstredend in einer Flughafen-Lounge. Ja, es gab Zeiten, als noch eifrig geflogen wurde. Ein erfolgreicher Personalberater ohne HON-Karte der Lufthansa? Undenkbar.

In all den Jahren hat sich ein freund­schaftliches Verhältnis zwischen den bei­den Männern entwickelt, die im Markt als Konkurrenten auftreten. „Wir tauschen uns aus", sagt Thorborg. „Wir reden nicht über Mandate, sondern über Menschen", ergänzt Deininger - meist stimmten sie in ihrem Urteil über die menschlichen Qualitäten von Topmanagern überein. Nach so vielen Jahren durchschauen sie die Lügen und kleinen Flunkereien der Vorstände, wissen, was die „Wir lieben uns alle"-Sprüche oder die zeitgeistige „Wichtig ist nur das Team"-Rhetorik wirklich wert sind: nicht allzu viel nämlich. „Viele Vorstände sind sich untereinander nicht grün, und zwar unabhängig vom Geschlecht", beobachtet Deininger.

Wenn die Verweildauer an der Konzernspitze sinkt, Topmanagerinnen und Topmanager heute kürzer im Amt sind, dann liegt das nicht nur am Druck des Kapitalmarkts oder gar am minderen Talent der Akteure. Die heutige Führungselite ist nicht dümmer oder fauler als jene der Generation davor. Eine maßgebliche Rolle spielt der verstärkte Einsatz der Ellenbogen, die innerbetrieblichen Hahnenkämpfe. „Manche Manager tragen viel Konfliktpotential in sich", sagt Deininger. Weniger diplomatisch formuliert es Thorborg: „Da laufen viele Egomanen durch die Chefetagen, die lösen keine Probleme. Psychopathen spielen Empathie nur vor, sind von ihrem Innersten aber kalt, und zwar unabhängig von Gender."

Irgendwann kommt es dann zum Durchbruch, da können sich die betrof­fenen Personen noch so verstellen. Aufgabe der Personalberater ist es daher, für die Topjobs Menschen zu finden, die „nicht konfliktträchtig" sind.

Nur: Kann man Psychopathen im Voraus erkennen? „Ja", antwortet Deininger, „aber nicht in einer halben Stunde in einer Hotelhalle oder am Flughafen." Nötig sei eine ungestörte Atmosphäre, mehrfache Treffen, zu je anderthalb bis zwei Stunden. So viel Zeit braucht es, bis die Zweifel greifbar werden. „Uns alten Hasen macht so schnell keiner was vor", sagt Thorborg. Zur Sicherheit checken sie den Hintergrund der Kandidaten und Kandidatinnen, lassen Leute aus deren Umfeld erzählen. Betrüger und Hochstapler wie Wirecard-Vorstand Jan Marsalek hätten bei ihnen keine Chance, dieses Verfahren zu überstehen, davon sind sie überzeugt.

„Referenzen sind meine Lebensversiche­rung", sagt Heiner Thorborg. „Leute, die man über Jahre kennt, die reden Tacheles", bestätigt Deininger. „Ich habe 50 000 Interviews gemacht. Das lehrt, gut zuzuhören und auf die Zwischentöne zu achten." Um einem Konzern ein potentielles Vorstandsmitglied zu präsentieren, hat er 60 bis 80 Vorkontakte, 12 bis 15 mögliche Kandidaten filtert er auf seine Shortlist, ehe er eine Handvoll davon zum potentiellen neuen Arbeitgeber vorlässt.

Die Pandemie hat sie alle aus dem Gewohnten herausgeworfen. Auch Vorstände in spe führen Bewerbungsgespräche nun digital. „Das kann nur der Einstieg sein", sagen die beiden Headhunter. „Nur über Video findet man nicht den richtigen Chef", das ist ihre feste Überzeugung. Ein Gespräch über den Bildschirm liefere allenfalls die Hälfte der nötigen Information. „Das menschliche Element kommt sonst zu kurz, und da trennt sich Spreu vom Weizen", führt Deininger aus. „Ich kann jemanden viel besser einschätzen, wenn ich sehe, wie er oder sie zur Tür reinkommt, wenn ich Mimik und Gestik im persönlichen Gespräch beobachten kann."

Katastrophale Fehler werden aber auch schon nach einer Videoschalte bestraft. „Wer die Unternehmensspitze erklimmen will und das Gespräch von der heimischen Gartenlaube aus führt, hat schon verloren: Dann ist der Fall klar - diese Haltung zeigt mangelnde Vorbereitung und Ernsthaftigkeit."

Thomas Deininger hat 1974 als Personalberater begonnen, nachdem er nach dem Studium zunächst sieben Jahre als Maschinenbauingenieur gearbeitet hatte. 1981 macht er sich mit seiner eigenen Beratungsfirma selbständig. Heute ist die Deininger-Gruppe mit 135 Mitarbeitern an neun Standorten in Europa und Asien aktiv.

Heiner Thorborg ist nach zehnjähriger Partnerschaft bei Egon Zehnder inzwischen mit seiner eigenen Personalberatungsfirma am Markt. Von Frankfurt und Zürich aus berät er global deutsche und schweizerische börsennotierte Unternehmen sowie große Familiengesellschaften. 2007 gründete er Generation CEO, heute eines der wichtigsten Netzwerke für die weibliche Führungselite.

 

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 9, Mai 2021, Nr. 18
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15.06.2021